Dienstag, den 13.11.2007
Da das Hotel ein kostenloses WLAN-Netz hat, aktualisiere ich während des Frühstücks den Blog. Wir beschliessen, uns nicht auf die Verpflegung an Bord alleine zu verlassen und gehen noch mal in die Stadt, um Proviant einzukaufen. Der Markt ist ein bischen ausserhalb des Stadtzentrums, direkt am Fluss. Für ein paar Reais erstehen wir kiloweise Papajas und Mangos. Der Fischverkäufer ist sichtlich traurig, daß wir seine Ware verschmähen. In einem kleinen Supermarkt holen wir noch Mineralwasser und Kekse. Wir schleppen uns und unsere Einkäufe ins Hotel zurück, duschen zum zweiten Mal an diesem Tag und fahren mit dem Taxi zum Hafen.
Wir sind gute anderthalb Stunden vor Abfahrt des Schiffes an Bord, zeigen dem Zahlmeister unsere Buchung und erhalten die Antwort, wir sollen uns irgendwo einen Haken für unsere Hängematten suchen. Gerdas Hinweis, daß wir eine Kabine gebucht haben, animiert ihn dazu, unseren Buchungsbeleg nochmals genauer zu studieren. Schließlich ruft er einen Matrosen herbei, der wiederum eine Frau aktiviert - unser Zimmermädchen. Die Kabine wird hergerichtet, die Betten frisch überzogen und ein Techniker überprüft das ordnungsgemässe Funktionieren der Klimaanlage. Mittlerweile ist auch ein älterer Asiate an Bord gekommen, der weder Brasilianisch noch Englisch spricht, und bezieht die Kabine neben uns.
Die Kabine ist groß genug, daß zwei Betten übereinander hinpassen und daß man davor stehen kann. Stuhl, oder gar einen Tisch gibt es nicht. Die Klimaanlage bläst ihre kalte Luft gnadenlos auf den Obenliegenden. Gerda nimmt tapfer die obere Koje, da ich immer noch an einer Erkältung laboriere, die ich mir vorletztes Wochenende in Istanbul zugezogen habe. Etwas über 300 Personen darf das Boot transportieren, es hat sechs Kabinen, von denen diesmal nur zwei belegt sind. Der Rest der Passagiere schläft in der eigenen Hängematte auf dem unteren und mittleren Deck. Ich schätze, daß wir über 200 Leute an Bord haben. Auf dem Mitteldeck, wo auch unsere Kabine ist, hängen die Hängematten dicht an dicht. Diese 200 Fahrgäste teilen sich vier Toiletten und Duschen. Wir Priviligierten aus den Kabinen haben unsere separate Toilette und Dusche. Alles an Bord ist einfach und sauber.
Während wir auf unsere Kabine warten. Füllt sich das Boot weiter. Der Amazonas ist der Hautptransport weg für die Leute hier. Die Städte und Dörfer an seinem Ufer sind meist nur per Boot oder Flugzeug erreichbar. Auch Manaus, die 1,6 Millionen Metropole kann man nicht über Land anfahren. Und so füllt sich das Unterdeck mit Koffern, Obstkisten, Gemüsesäcken und sogar einem Moped. Zu guter Letzt hält noch ein Pritschenwagen, voll mit Holzmöbeln. Irgendjemand stromaufwärts scheint sich neu einzurichten.
Pünktlich um 14 Uhr legt das Schiff ab. In einer eleganten Kurve nehmen wir Kurs auf Manaus. Zeit ein paar Fakten über den Amazonas einzustreuen. Der Einfachheit halber zitiere ich aus dem Reiseführer ("Brasilien" aus dem Stefan Loose-Verlag, dessen Führer haben uns schon gut durch Kalifornien und Mexiko gebracht): Der Amazonas ist das grösste Flußsystem der Erde und hat eine Länge von 6500 km (der Rhein kommt auf 1300 km). Seine Breite beträgt in der brasilianischen Tiefebene sechs bis acht Kilometer, im Mündungsgebiet rund um Belem sind es sogar 250 km. Dort entläßt er pro Sekunde 175 Millionen Liter Wasser in den Atlantik, genug, um in einer halben Minute den Durst aller Erdenbewohner zu stillen. Er besitzt rund 1000 Nebenflüsse mit einer schiffbaren Strecke von ca. 50.000 km."
Die Breite des Stromes läßt sich nur ahnen, denn immer wieder schiebt sich eine der unzähligen Inseln zwischen uns und die Ufer. Das Boot tuckert immer in Ufer Nähe, zerfranzt sich das Ufer durch Nebenflüsse, Buchten oder sonstiges wechselt der Steuermann ans andere Ufer. Wie er seinen Weg findet, ist mir ein Rätsel, ein Karte hat er jedenfalls nicht vor sich. Stunde um Stunde fahren wir. Sehen immer das Gleiche: Das Dunkelgrün der Bäume, das Hellgrün der Wiesen und Felder und das Braun des Ufers. Der Amazonas hat zur Zeit Niedrigwasser. Während der Regenzeit kann er um bis zu 14 Meter steigen. Dann ist vieles, was wir jetzt noch sehen in den schlammig-gelben Wassermassen verschwunden.
Wir vertreiben uns die Zeit mit gucken, lesen, Portugiesisch lernen und dösen. Auf dem Oberdeck gibt es eine kleine Bar und leider einen großen Lautsprecher. Seit der Abfahrt dröhnt hier brasilianische Gute-Laune-Musik ohne Unterlaß. Ich verstehe mein eigenes Wort nicht mehr, die Brasilianer unterhalten sich selbst in unmittelbarer Nachbarschaft der Lautsprecherbox prächtig. Gegen 17 Uhr beginnt die Sonne schnell zu sinken. Wir haben Glück, nur wenige Wolken am Himmel und so erleben wir einen kurzen, aber schönen Sonnenuntergang. Mit der Sonne verschwindet auch die schwüle Hitze. An Deck weht eine angenehme Sommerbrise, mit einer Dose Bier starren wir in die Dunkelheit. Obwohl das Ufer nur zehn Meter entfernt ist, sehen wir nichts. Der Steuermann auch nicht, ausser er hat Röntgenaugen. Alle paar Minuten wird ein riesiger Scheinwerfer angemacht und die Umgebung des Bootes in Licht getaucht.
Gegessen wird in mehreren Schichten an einem langen Tisch im Heck des Bootes. Die Passagiere stellen sich brav in eine Schlange und warten, bis die Gruppe vor ihnen fertig ist. Es gibt Nudeln, Reis, Rindfleisch, dazu einen klebrigsüssen Obstsaft. Man kann so lange Nachschlag nehmen bis man satt ist.
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