Donnerstag, den 15.11.2007
Der Tag beginnt mit Regen. Wir fahren in eine tiefhängende Wolke und innerhalb von Sekunden regnet es, als ob jemand eine Dusche angestellt hätte. Die offenen Seiten des Schiffes werden mit großen blauen Plastikplanen gegen den Regen geschützt. Gegen 10 Uhr ereichen wir die ersten Industrieanlagen von Manaus. Die Stadt liegt am Rio Negro, ein paar Kilometer unterhalb der Metropole treffen sich der Rio Solimoes und der Rio Negro und vereinen sich zum Amazonas. Der Ort, wo die beiden Flüsse sich vereinen, heißt "Encontro das Aguas", Treffpunkt der Gewässer, und ist einer der touristischen Highlights der Stadt. Denn die schwarzen Fluten des Rio Negro und das gelbschlammige Wasser des Solimoes vermengen sich nicht sofort, sondern fliessen kilometerlang nebeneinander her und mischen sich nur langsam.
Um 11 Uhr legen wir am Porto Flutante, dem schwimmenden Hafen von Manaus an. Schnell die Taschen über die Reling gewuchtet, die Angebote der Träger ignorieren, die Taxifahrer-Schlepper abwehren und zu Fuß zu unserem Lieblingshotel, das Ana Cassia Palace Hotel. Äußerlich hat sich noch immer nichts getan. Wie schon vor anderthalb Jahren, als ich das letzte Mal hier war, und wie schon vor einem halben Jahr, als Gerda das letzte Mal hier war, fehlen dem Schriftzug an der Fassade einige Buchstaben. Das Foyer empfängt uns wie immer mit üppiger Stromsparlampenpracht und tiefgekühlten Temperaturen. Gerda wird wieder erkannt und erhält als Stammkundin gleich einen Rabatt. Wir zahlen für das Doppelzimmer nur 120 Reais, statt 150. (Vielleicht gibt es den großzügigen Rabatt auch deshalb, weil bald Wochenende ist und das Hotel sowieso halbleer ist.) Eine Überraschung hält das Hotel allerdings bereit: Es gibt neuerdings Internet auf den Zimmern. Aus der Klimaanlage kommt ein langes Ethernetkabel.
Wir nehmen im Hotelrestaurant ein fleischhaltiges Mahl, lassen einen zweiten tropischen Wolkenbruch über uns ergehen und nehmen auf der Terrasse hoch über Manaus den Verdauungskaffee. Es ist dieser Blick über Manaus, den Hafen und den Amazonas, den das Ana Cassia so einmalig macht. Ich glaube, man kann Manaus nur mögen oder hassen. Es ist hässlich, von der einstigen Pracht ist nicht mehr viel geblieben, es ist unerträglich schwül, kaum geht man auf die Straße, könnte man schon wieder duschen, aber es ist auch quirlig, bunt, chaotisch, laut. Die Busse fahren im Sekundentakt, die Zahl der Strassenhändler ist unüberschaubar, alle paar Meter bietet dir eine fahrbare Imbissbude wunderliche Speisen an, der Markt ist voll mit Fischen, Fleisch, Obst und Gemüse. Die Händler schreien, die Kunden verhandeln, die Träger ruhen sich im Schatten aus. Der Hafen ist ein einziges Chaos. In die kleinste Lücke am Pier drängen sich noch Schiffe. Die gesamte Fracht wird mit Muskelkraft geladen und entladen. Eine endlose Ketter von Trägern schultert Obstkisten, Getränkedosen, Koffer, Jutesäcke, Dieselmotoren, Möbel und jede Menge Unterhaltungselektronik. Innerhalb weniger Minuten fühle ich mich zuhause.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit laufen wir zum Teatro Amazonas, dem weltberühmten Operhaus. Auch hier meinen viele, es würde mitten im Dschungel stehen. Mitnichten, es steht inmitten einer Millionenstadt. Heute ist der letzte Tag des Amazonas-Filmfestivals. Die Oper ist abgesperrt, rote Teppiche sind ausgerollt und das Fernsehen hat aufwendige Übertragungstechnik installiert. Wir postieren uns in einer Einheimischen-Kneipe am Rande des Geschehens, trinken eiskaltes Bier und schauen dem Aufmarsch der geladenen Gäste zu. Menschen in Abendgarderobe hasten an uns vorbei. Gleich werden die Preise für die Gewinner des Festivals vergeben. Wie nennt man eigentlich einen Einwohner von Manaus? Manauser? Manauese? Egal, der Mann am Nebentisch spricht mich an. Er ist Angestellter der Finanzverwaltung, Filmfreund und schon etwas angetrunken. Er hat sich Englisch selber beigebracht und versucht jetzt, ganz langsam die englischen Wörter korrekt auszusprechen. Liegt es am begrenzten Wortschatz oder am Alkohol, daß das Gespräch schon nach wenigen Minuten in eine Endlosschleife des bereits Gesagten verfällt?
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