Sonntag, den 18.11.2007
Das Zentrum ist wie ausgestorben. Die Geschäfte und Buden haben geschlossen, es fahren kaum Busse oder Autos. Auf der Hauptstrasse gibt es einen Ramschmarkt mit viel Chinaware (fast die gesamten Textilien haben das "Made in China"-Zeichen, wahrscheinlich werden auch die Amazonas-Souvenirs von chinesischen Indianern am Jangtse-Fluss gefertigt), Fress-Ständen und einem antiquarischen Bücherstand, wo wir auch gleich einen Krimi-Comic aus den 50er Jahren und zwei Kinderbücher auf Portugiesisch erstehen. Der Versuch, einen Bildband über das alte Manaus zu bekommen, schlägt hier aber genauso fehl, wie in den drei Buchhandlungen, die wir bisher gefunden haben.
Manaus große Zeit war zwischen 1880 und 1920. Dank des Kautschukbooms stieg die Dschungelmetropole zu einer der reichsten Städte der Welt auf. Hier fuhr die erste Strassenbahn Lateinamerikas, die Markthallen wurden in England vormontiert und das Zollamt bestellte man in Schottland. Die reichen Bürger bauten sich prächtige Villen. Dann schafften es die Engländer, in Südostasien Kautschukplantagen anzulegen, das Monopol war gebrochen, der Glanz Manaus verblasste innerhalb weniger Jahre, die Stadt fiel in einen Dornröschenschlaf. Der dauerte bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Dann erklärte man Manaus zur Freihandelszone. Viele ausländische Betriebe siedelten sich in der Folge an, Arbeitsplätze wurden geschaffen und zwischen 1970 und heute wuchs die Stadt von 300.000 Einwohnern auf 1,6 Millionen. Und der Zuzug hält an. Wie in anderen brasilianischen Städten auch, lebt ein Großteil der Bevölkerung in den Favelas genannten Armenvierteln und ein kleiner Teil in Appartmenthochhäusern alá Florida hinter hohen Sicherheitszäunen.
Abends Sinfonie-Konzert in der Oper. Das Orchester von Manaus feiert sein zehnjähriges Jubileum mit einer Reihe von Freikonzerten. Wir stellen uns brav in die Schlange der Wartenden und gelangen im Gänsemarsch in die Oper. Wir sitzen mit zwei älteren Damen in einer schönen Loge und stellen uns, während sich das Teatro Amazonas füllt, vor, wie das vor 100 Jahren gewesen sein muss. Keine Klimaanlage, die Damen in großer Abendgaderobe, die Männer im Frack und der Kapellmeister kurz vor dem Hitzschlag. Heute ist das Theater angenehm temperiert, die Instrumente verstimmen sich nicht und der Dirigent hat keine Schweissflecken unter den Achseln. Es gibt ein zweistündiges Programm mit Mozart, Grieg, Beethoven und anderen Großen der Musikgeschichte. Ein erhebenes Erlebnis. Danach machen wir uns wieder zu Fuß durch die leeren Strassen zum Hotel auf. Wieder nix passiert.
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1 Kommentar:
alte Erinnerungen werden wach - da war doch was! - naja, die olle schlammbrühe vom amazonas hat sich auch nicht verändert - schöne aufnahmen und ich hoffe, du verzeihst mir, Karsten, dass ich während deiner slideshow reggae musik gehört habe - das kommt in dieser jahreszeit daheim einfach besser - das leben hier ist so öööde und ich weiss nicht, wie lange ich das noch aushalte - mind. 4 wochen!
übrigens, die decke der oper von manaus soll den eindruck erwecken, man stünde genau unter dem eifelturm und blickte hoch - naja, vielleicht auf dem rückflug schnell zu eifelturm hecheln und nachgucken, ob's stimmt - gute reise und ich bleibe bei euch...h1
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