Mittwoch, 6. Februar 2008

85. Tag: Ankunft in Feuerland

Sonntag, den 3. Februar 2008

Die Überfahrt von Punto Arenas nach Feuerland dauert zweieinhalb Stunden, dann rollen wir in Porvenir von Bord der kleinen Fähre. Porvenir ist auf der Landkarte zwar ein großer Punkt, in Wahrheit aber ein kleines Kaff von gerade mal 5.000 Einwohnern, von denen die meisten an diesem Sonntag noch im Bett lagen, weil es am Vorabend ein Riesen-Asado gegeben hatte. Die Stadt hat aus irgendeinem Grund zu Anfang des 20. Jahrhunderts viele kroatische Immigranten angelockt und der Großteil der Bevölkerung soll aus ihren Nachfahren bestehen.

Wir prüfen das nicht nach, sondern glauben, was im Reiseführer steht. Ebenso glauben wir, dass die Schotterpiste, die aus der Stadt herausführt, wirklich die Hauptroute nach Argentinien ist.

Feuerland besteht aus mehreren Insel, wobei die größte Insel, auf der wir uns nun befinden, mit 47.000 Quadratkilometern genauso gross ist wie Niedersachsen. 1881 haben Chile und Argentinien die Insel unter sich aufgeteilt. Rund 100.000 Chilenen wohnen im westlichen, rund 157.000 Argentinier im östlichen Teil.

Die Schotterpiste führt uns erst an der Küste entlang, wo Fischerboote nur wenige hundert Meter vom Ufer entfernt ihre Netze ausgeworfen haben, dann ins Landesinnere. Wieder unendliche Grasflächen, ab und zu eine kleine Schafherde, und die meisten Dörfer, die auf der Landkarte verzeichnet sind, liegen verlassen da. Die Sonne scheint, aber wenn man aus dem Auto aussteigt, haut einen der Wind fast um. Alles scheint sich dem Wind zu beugen, das Gras, die krüppeligen Bäume und Sträucher, die Zäune und auch die Scheunen und Häuser. Er weht ohne Unterlass, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Mal schwächer, mal stärker, aber er ist immer da.

An diesem Tag ist es kein Wind mehr, sondern eher Sturm. Kurz vor der argentinischen Grenze, im chilenischen San Sebastian, finden wir endlich ein Cafe. Während wir das liebevoll servierte Kaffeepulver mit heissem Wasser verrühren und ein Stück hausgemachten Apfelkuchen geniessen, heult der Wind ums Haus und rüttelt es ordentlich durch. Wir beschliessen spontan, die Nacht im Ort zu verbringen.

Der "Ort" besteht aus der Grenzstation, dem Motel-Restaurant-Cafe "La Fronteria", einer Polizeistation und einigen Häusern, von denen die wenigsten bewohnt zu sein scheinen. Wir sind die einzigen Gäste im Motel und wenn man dem Gästebuch trauen kann, hat hier die letzten 14 Tage ausser uns keiner übernachtet.

Es ist vier Uhr Nachmittags und wir beschliessen, einen Spaziergang zu machen. Der Wind knallt uns ins Gesicht, fährt durch alle Bekleidungsschichten. Wir straucheln mehr als das wir gehen. Ausser der Landstrasse gibt es hier keine Wege. Alles ist eingezäunt und mit grossen "Achtung Privateigentum - Betreten verboten"-Schildern versehen. Die paar Autofahrer, die vorbeikommen, sehen uns mitleidig an: wie kann man bei diesem Wind spazierengehen? Nach anderthalb Stunden sind wir fix und foxi.

Unser Hotelzimmer hat keinen Strom, weil der Generator erst abends für ein paar Stunden eingestellt wird. Die Heizung ist auch noch ausser Betrieb. Also gehen wir ins Restaurant, wo es zwar auch nicht wärmer ist, Gerda sich jedoch mit den Wirtsleuten unterhalten kann. Bis zu 100 Stundenkilometer ist der Wind heute stark, erzählt uns die Wirtin. Der Betrieb lebt von den durchfahrenden Touristen und den LKW's, die hier stoppen.

Als einzige Gäste des Restaurants feiern wir unseren Aufenthalt in der Einöde mit Kotletts vom Magellan-Schaf, Rosmarin-Kartoffeln und einer Flasche chilenischem Rotwein.

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