Sonntag, 2. Dezember 2007

10. bis 21. Tag: Casa de Caboclo

Dienstag, den 20.11. bis Samstag, den 1.12.2007

Wir werden wie verabredet pünktlich um 12 Uhr im Hotel von Batista abgeholt und zu einem kleinen Nebenhafen von Manaus gebracht, wo Patrizia und ihr Mann Del uns mit dem Boot der Casa erwarten. (Hatte ich schon erwähnt, dass in angeblichen Manana-Manana-Ländern wie Brasilien oder Mexiko immer alles in der Regel mit äußerst großer Zeitdisziplin abläuft? Ich hatte schon im Mexiko-Blog daraufhingewiesen? Na, dann nichts für ungut.)

Unser Boot überquert den wirklich breiten Rio Negro, passiert riesige Contäinerschiffe und kleine Amazonasfähren und biegt dann in den Rio Solimoes, um kurze Zeit später in einen Seitenarm zu fahren. Wieder glaubt man sich am Niederrhein. Üppige Wiesen links und rechts, weidene Kühe, ab und zu ein Pferd. Der Nebenarm wird zusehens enger und enger. Das Wasser hat vor wenigen Wochen seinen Tiefstand erreicht und steigt nur langsam wieder. Als ich vor anderthalb Jahren hier war, war das alles eine einzige Wasserfläche und den Bäumen, die nun auf kleinen Hügeln völlig im Trockenen stehen, reichte das Wasser bis in die Kronen.

Nach 90 Minuten kommt die Casa de Caboclo in Sicht. Raimunda, die Wirtin und Mutter von Patrizia, Schwiegermutter von Del und Ehefrau von Batista (um mal einige Namen zu wiederholen), begrüßt Gerda herzlich und erkennt sogar mich wieder. Gerda gehört nach drei längeren Aufenthalten (darunter die Hochzeit von Patrizia und - na?, richtig Del!), quasi zur Familie.

Es ist noch drückender als in Manaus und wir sind völlig durchgeschwitzt. Leider ist der Strom gerade ausgefallen und es kann kein Wasser hochgepumpt werden, ergo können wir auch nicht duschen. Der Strom fällt in den nächsten Tagen immer wieder aus. He, wir sind im Dschungel! Hier gibt es sowieso erst seit 1999 Strom.

Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber 1999 war bei mir wie auch die 40 Jahre davor, ein ziemlich stromintensives Jahr. Ich brauchte Eletrizität für meinen Computer, meine Stereoanlage, meinen Fernseher, meinen Kühlschrank, meine Waschmaschine und und und. Hier in der Gegend zündete man abends Petroleumlaternen an und Lebensmittel wurden mit Eisblöcken gekühlt, die ein Boot alle paar Tage von Manaus rüberbrachte. Wer es sich leisten konnte, und das waren nur eine Handvoll von Leuten, hatte einen Generator.

Die Menschen am Amazonas waren immer arm und sind es noch. Die Erträge aus Fischfang und Feldarbeit reichen gerade zum Überleben. Kein Wunder, dass viele junge Leute ihr Glück in den Städten suchen, um dann doch nur in den Elendsvierteln zu landen. Bereits die Eltern von Raimunda, Oberta und Orlando, haben hier am Seitenarm des Rio Solemoes gelebt. 14 Kinder haben sie gezeugt, zwölf überlebten. Bis heute sind die Lebensverhältnisse äusserst einfach. Die Hütten sind aus rohem Holz. Es gibt einen großen Raum, der als Wohn- und Schlafzimmer dient (Sind die Hängematten eingerollt, ist es das Wohnzimmer). Die Küche ist meist ein kleiner Verschlag am Ende der Hütte. Wer aufs Klo muss, geht in den Wald oder in ein separates Häuserl. Die komplette Einrichtung bestand jahrhundertelang nur aus Hängematten. Heute gibt es schon mal Stühle, Tische oder ein Sofa. Das erste, was in der Regel angeschafft wird, wenn der Strom ins Haus kommt, ist ein Fernseher. Das meiste von dem bischen, was verdient wird, geht für die Boote und den Diesel für den Motor drauf (die Benzinpreise sind mit unseren vergleichbar).

An einem Freitagmorgen gehen wir mit der Familie in aller Frühe auf ein zweihalb Kilometer entferntes Feld, um bei der Melonenernte zu helfen. Obwohl die Sonne noch kaum scheint, ist es schon wieder drückend heiss. Die Melonen liegen wie große Eier herum. Durch Klopfen wird festgestellt, welche Frucht reif ist. Zwischen vier und zehn Kilo wiegen die Wassermelonen, die wir an den Rand des Feldes schleppen. Nach gut zwei Stunden haben wir 300 Stück beisammen. Die Melonen sollen zusammen mit weiteren 300, die bereits früher geerntet wurden, am Wochenende auf dem Markt in Manaus verkauft werden. Sie werden wahrscheinlich so um die vier Reais pro Stück (unabhängig vom Gewicht!) bringen.

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, es ist drückend heiss und schwül. Ich zitiere aus Wikipedia: "Aufgrund der Nähe zum Äquator (3° südliche Breite) gibt es im jahreszeitlichen Verlauf nur geringe Änderungen in der Tageslänge. Deshalb werden an Stelle der vier Jahreszeiten nur Trocken- und Regenzeit unterschieden. Es herrscht feucht-tropisches Klima, das heißt es ist ganzjährig sehr heiß und die Luft ist sehr feucht. Während der Regenzeit von Dezember bis Mai gehen fast täglich starke Schauer nieder. Die Niederschlagsmenge pro Jahr beträgt über 2000 Millimeter, was dem zwei- bis dreifachen des in Deutschland erreichten Werts entspricht. Die Luftfeuchtigkeit beträgt nachts mindestens 95% und ist auch tagsüber oft sehr hoch, so dass die Lufttemperatur vom Menschen als noch wärmer wahrgenommen wird als sie tatsächlich ist. Die Durchschnittstemperaturen der einzelnen Monate eines Jahres variieren nur sehr leicht zwischen 26°C und 28°C. Die Tageshöchsttemperaturen liegen meistens zwischen 30°C und 40°C, während nachts Temperaturen zwischen 20°C und 30°C erreicht werden."

Selbst wenn man nur in der Hängematte liegt, bricht einem der Schweiss aus. Duschen hilft für fünf Minuten. Aber wir liegen nicht nur in der Hängematte. Fast jeden Tag gibt es Programm: Wandern durch den Urwald, mit dem Boot zu verschiedenen Destinationen am Rio Solimoes, um Tiere zu sehen, einen Spaziergang ins nächste Dorf und natürlich Fischen und Krokodilie fangen (die hier Jacaree heissen).

Ausserdem haben wir selber noch ein großes Tagespensum zu bewältigen: Gerda will unbedingt 170 Seiten brasilianische Grammatikübungen schaffen und ich meine kleine Reisebibliothek um einige Bücher verschlanken. Während Gerda portugiesische Verbformen büffelt, lese ich "Geschichte Lateinamerikas vom 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart" von Romeo Frey, der 30 Jahre lang als Lateinamerika-Korrespondent unter anderem für den Schweizer "Tagesanzeiger" und die "Frankfurter Rundschau" berichtet hat (Verlag C.H. Beck, München 2006, 280 Seiten, 14,90 €). Das Buch gibt einen guten Überblick über die Probleme Südamerikas und ihre Ursachen (sehr verkürzt: jahrhundertelange koloniale Ausbeutung, korrupte Herrschaftscliquen, putschfreudige rechte Militärs, die sich immer der Unterstützung der USA sicher sein konnten, und seit den 70er Jahren die Auswirkungen der neoliberalen Wirtschaftspolitik, die die Reichen immer reicher gemacht hat und nebenher weite Teile der übrigen Bevölkerung ins Elend stürzte - auf die Einlösung des Versprechens der Chicago Boys und des Internationalen Währungsfonds, dass der Reichtum der obersten Bevölkerungsgruppe irgendwann auch unten ankommt, warten 450 Millionen Lateinamerikaner seit Jahrzehnten vergeblich). Das Buch ist jedem zu empfehlen, der sich nicht nur für Tiere und Landschaft, sondern auch für die Menschen hier interessiert.

Wer noch eine herzhafte Polemik zu schätzen weiss, die gut geschrieben und gut mit Quellen dokumentiert ist, sollte zu meiner zweiten Hängemattenlektüre Tariq Ali: Piraten der Karibik - Die Achse der Hoffnung - Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen/München 2007, greifen. Der in England lebende Pakistani schreibt aus linker Sicht über Hugo Chavez, Evo Morales und Fidel Castro. Herrlich einseitig und mal was ganz anderes als diese pseudoausgewogene Schmalspurkost ala Christiansen, Will & Co. Hier wird man sich je nach politischer Weltanschauung freuen oder ärgern, aber nie langweilen.

Der Tag beginnt am Amazonas zwischen 5.30 und 6.00 Uhr, dann wird es recht schnell hell. Zwölf Stunden später wird es genauso schnell wieder dunkel. Über tausend Insektenarten soll es hier geben. Tagsüber sondieren sie das Gelände und mit Einbruch der Dunkelheit fallen sie über einen her. Trotz langer Hose, langem Hemd, Strümpfen und Schuhen (und das alles bei der Hitze) wird man gnadenlos zerstochen. Da hilft auch das beste Mücken- und Moskitomittel nichts. Das einzige Gegenmittel ist der Rückzug in geschlossene Räume, am besten noch unter ein Moskitonetz. Das ist zwar etwas stickig, aber man kann ja auch nachts mehrmals duschen. (Die Casa hat natürlich keine Klimaanlagen. Wir sind im Dschungel, nicht im Club Med, ihr Weicheier.)

Da ich die Vorliebe der einheimischen Moskitos für blasses nordisches Fleisch am Abend noch von meinem letzten Aufenthalt kenne und weiss, wie lang die Nächte werden können, habe ich mit einer Ladung DVD's und einem vollgepackten iPod vorgesorgt. In den vergangenen Tagen sah ich eine mehrteilige Dokumentation über den Blues (übrigens sehr passend: dauernd wurden hart schuftende, schwitzende Farbige auf sonnenverdörrten Baumwollfeldern rund um den Mississippi gezeigt, ich konnte richtig mitfühlen), einen Melville-Krimi aus den 60er Jahren mit Jean-Paul Belmondo und den UFA-Film "Münchhausen" mit Hans Albers. Auf dem iPod ist Musik gespeichert, die ununterbrochen gespielt, für 60 Tage reichen würde. Komischerweise höre ich immer die gleichen fünf Alben und bei dem Versuch "Rumo" von Walter Moers als Hörbuch zu hören, schlafe ich immer sofort ein.

Für Leute, die immer alles genau wissen wollen, hier noch die Erklärung unseres Pensions-Namens: Casa de Caboclo. Caboclos sind die Einwohner Amazoniens, eine Mischung aus weissen Einwanderern und heimischen Indianern. Im Laufe der Zeit sind sie wegen der Hitze, vermute ich, alle geschrumpft. Der ausgewachsene Caboclo reicht mir in der Regel nur bis zu Schulter. Es sind freundliche Menschen, die sich für alles interessieren und nur einen Nachteil haben: sie sprechen keine Fremdsprachen. Wer Brasilien ohne Portugiesisch-Kenntnisse bereist, wird irgendwann verzweifeln. Selbst Flughafenmitarbeiter oder Hotelangestellte sprechen selten Englisch.

Seit letzten Dienstag, das war glaube ich, der 28. November, regnet es vermehrt. Offiziell beginnt die Regenzeit im Dezember und dauert bis Mai. Mehrere Stunden am Tag prasselt das Wasser auf uns herab und macht auf dem Blechdach einen Höllenlärm. Dankenswerterweise dämpft der Regen auch die Temperaturen. Einmal sind es morgens nur 18 Grad! Traumhaft.

Der letzte Tag in der Casa, Samstag, der 1. Dezember, wird dann nochmal schön warm und in der Nacht beissen die Moskitos wieder herzhaft zu. Sie müssen mitbekommen haben, dass wir morgen abreisen und wollen sich wohl noch einmal sattessen. Ihr fragt jetzt, wie halten die Einheimischen das aus? Ganz einfach, sie werden nicht gestochen. Warum, weshalb, wieso, weiss ich auch nicht.

Die dritte Reisewoche ist schon um!

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