Samstag, den 8. Dezember 2007
Ich schätze, die wenigsten Leser dieser Zeilen, werden jemals etwas von der Stadt Curitiba gehört haben. Curitiba liegt nicht wie Rio an der Küste und kann deshalb mit keinem schönen Strand punkten, es ist mit seinen 1,6 Millionen Einwohnern zehnmal kleiner als Sao Paulo und zieht trotzdem immer mehr Konzernzentralen an. Seine Silhouette ist mit hunderten anderer Städte verwechselbar, gesichtlose Appartmenthäuser gepaart mit Bürotürmen und Shoppingcentern. Und dennoch: Curitiba ist die brasilianische Vorzeigestadt. Ja, sie gilt sogar als die Stadt mit der höchsten Lebensqualität im Lande.
Wie konnte es dazu kommen? Blenden wir zurück in das Jahr 1965. Curitiba hat, wie andere Städte auch, mit einem neuen Trend zu kämpfen. Immer mehr Menschen ziehen aus den ländlichen Gebieten in die Stadt. Curitiba, damals gerade 500.000 Einwohner zählend, antwortet dem Trend mit der Gründung des "Instituts für Forschung und Planung der Stadt Curitiba". Dieses Institut hat seitdem mit neuen und teilweise ungewöhnlichen Vorschlägen für die Entwicklung der Stadt gesorgt. Ausserdem hatte die Metropole in den 70er Jahren einen Bürgermeister, der dir Vorschläge aufgriff und in die Realität umsetzte.
Die Ideen waren an sich gar nicht so spektakulär. Aber die Politik der kleinen Schritte und die vielen stetigen Verbesserungen führten dazu, dass Curitiba die anderen Städte im Lande immer weiter abhängte. Erstes zentrales Thema war die Verkehrsplanung. Wie sollte in einer wachsenden Großstadt das steigende Verkehraufkommen kanalisiert werden? Die Lösung war genial und einfach. Man verlegte das prinzip U-Bahn an die Oberfläche. Weil die Stadt bereits Busse hatte, setzte man auf Busse, die eine eigene Fahrspur bekamen. Dazu entwickelte man röhrenförmige Wartehäuschen, in denen der Fahrpreis entrichtet wird (statt wie sonst üblich im Bus). Das spart Zeit beim Einsteigen, der Bus ist schneller wieder am Fahren. Diese neuen Schnellbusse fahren alle Viertel der Stadt an und sorgen so dafür, das alle Einwohner preiswert zum Beispiel an ihren Arbeitsplatz kommen.
Das Geld, das durch den Nichtbau der U-Bahn gespart wurde, wurde etwa für soziale Projekte wie Kindertagesstätten in Problemvierteln oder Parks gesteckt. Ganz Curitiba ist von einer Unzahl von Parkanlagen durchzogen, die als Naherholungsgebiete dienen, und es zum Beispiel möglich machen, die Stadt mit dem Fahrrad zu umrunden. Um die Innenstadt weiterhin attraktiv zu halten, wird eine Menge Geld in kulturelle Projekte gesteckt. Während unserem Aufenthalt haben wir immer wieder Aufführungen gesehen bzw. angekündigt gesehen.
Curitiba ist die erste Stadt Brasiliens, die den Umweltschutz zum Leitthema ihres politischen Handels gemacht hat. Keine andere Stadt hat mehr Auszeichnungen erhalten, unter anderem erhielt sie 1990 den Umweltpreis der Vereinten Nationen und 1996 den World Habitat Award.
Nachdem wir erfolgreich ein neues Hotel gefunden haben, machen wir uns auf den Weg zum Museo Oscar Niemeyer, dem neuen Wahrzeichen der Stadt. Das Museum war ursprünglich als Schule oder universitäre Einrichtung geplant. Aus irgendwelchen Gründen kam es zu der Umwidmung und der berühmte Architekt entwarf zu dem schlanken, langgestreckten Hauptgebäude noch einen weiteren Ausstellungssaal in Form eines überdimensionierten Auges.
Ich war davon ausgegangen, dass ein Museum mit dem Namen Oscar Niemeyer auch Oscar Niemeyer und seine Architektur zum Inhalt hat. Weit gefehlt. Es ist ein Museum für zeitgenössische Kunst und, wie die Museumzeitung stolz berichtet, das einzige Museum der Welt, das in der Lage ist, 32 verschiedene Ausstellungen pro Jahr zu zeigen. Uns ist nicht gelungen, herauszubekommen, warum das Museum nach Herrn Niemeyer benannt wurde und für was es steht. Immerhin gab es im Untergeschoss eine kleine Ausstellung über seine wichtigsten Arbeiten: riesige Panoramafotos und Modelle. Aber allein der Bau ist die Reise schon wert.
Abends schauten wir uns im Einkaufscenter gegenüber unserem Hotel noch den neuesten George Clooney-Film an (Michael Clayton - keine Ahnung wie der auf Deutsch heisst).
Ende der vierten Reisewoche.
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