Montag, den 3. Dezember 2007
Wir haben unsere Rückkehr in die Zivilisation mit einem Abendessen und zwei Flaschen Wein in inserem Hotel gefeiert. Leider wachen wir dafür am nächsten Morgen mit dicken Köpfen auf. Dann beginnt die Traveller-Routine. Da wir drei Nächte in der Stadt bleiben, werden erstmal Unterhosen, Strümpfe und Hemden gewaschen. Ist ja viel Zeit zum Trocknen da. Wie in Hotels üblich, gibt es nichts, wo man Wäsche aufhängen kann und so müssen sämtliche Stühle und Sessel als Leine herhalten.
Brasilia wurde zwischen 1956 und 1960 mitten im Nichts aus dem Nichts erbaut und löste Rio de Janeiro als Hauptstadt ab. Die Corbusier-Schüler Lucio Costa und Oskar Niemeyer übernahmen die Planung und Ausführung. Costa entwickelte das städtebauliche Grundkonzept, Niemeyer entwarf die wichtigsten Gebäude.
"Die Idee, die Hauptstadt ins Binnenland zu verlegen, entstand bereits Ende des 18.Jahrhunderts; 1891 wurde die Errichtung einer neuen Hauptstadt als Absichtserklärung in der brasilianischen Verfassung verankert, aber erst 1957 wurde mit dem Bau begonnen. Mit der Errichtung von Brasília sollte auf der einen Seite die alte Hauptstadt Rio de Janeiro entlastet und die Verwaltung des Staates in dessen Zentrum umgesiedelt werden; auf der anderen Seiten sollte die Platzierung der neuen Hauptstadt in Zentralbrasilien der Erschliessung des Binnenlandes einen entscheidenden Anstoss geben.
Der Grundriss der Stadt, den der brasilianische Stadtplaner Lucio Costa entwarf, ähnelt einem Kreuz, bzw. einem Flugzeug. Entlang des "Flugzeugrumpfes", der 5km langen Hauptachse der Stadt, befinden sich die Regierungsgebäude, die Kathedrale und das Theater. An der insgesamt 13km langen Querachse, den beiden "Flügeln", sind quadratische Wohnblocks angesiedelt. An der Spitze des "Flugzeugrumpfes", der Hauptachse also, befindet sich der Platz der "Drei Mächte" mit seinen repräsentativen Regierungsgebäuden, zwischen dem Platz und dem Lago Paranoá liegt der von dem brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer entworfene Glas- und Stahlbau des Präsidentenpalastes. Ebenfalls von Niemeyer sind die Kathedrale, ein monumentaler Rundbau, und das einer aztekischen Pyramide nachempfundene Theater. Um die Spitze des "Flugzeugrumpfes" bis zu den Enden der beiden "Flügel" erstreckt sich der Stausee Lago Paranoá, der die Wasser- und Energieversorgung der Stadt gewährleistet. Jenseits der Grenzen der geplanten Stadt haben sich mehrere schnell wachsende Satellitenstädte und Elendsviertel gebildet." (Zitat von einer Webseite, deren Adresse ich gerade nicht finde. Wer tiefer in das Thema eintauchen will, lese hier: Brasilia - Zeitgemäße Architektur - In: planen-bauen-wohnen 49, Wien 1972 - http://www.zaunschirm.de/brasilia.html)
Trotz aller Diskussionen, ob Brasilia als Stadt gescheitert ist oder nicht, funktioniert die 2-Millionen Metropole. Auf der Achse Monumental, wo die Regierungsgebäude und die Repräsentativ-Bauten sind, verlaufen sich die Menschen zwar angesichts der gewaltigen Dimensionen, aber in den Shoppingcentern und am Busbahnhof quirlt das Leben. Der Reiseführer warnt uns, Brasilia ist die Stadt der weiten Wege und kann zur Fuss nicht erobert werden. Das fordert natürlich unseren Ehrgeiz heraus und so machen wir uns nach dem Frühstück mit Hut, Sonnencreme und Wasservorräten ausgerüstet auf.
Brasilia ist planerisch ein Kind der 50er Jahre, wo man dem Ideal des störungsfreien Flusses des Autoverkehrs huldigte. So laufen die Strassen kreuzungsfrei über und untereinander, Ampel gibt es kaum und damit auch keine Fussgängerüberwege. Bürgersteige enden im Nichts und mehr als einmal sind wir im Sprint über sechsspurige Strassen gerannt, weil es keine andere nervenschonendere Möglichkeit gab. Zumindest im Zentrum ist Brasilia eine grüne Stadt, weite Rasenflächen und Baumalleen säumen die Gebäude. Wie so oft, wenn man etwas nur von Fotos kennt, hatte ich mir die Gebäude viel größer vorgestellt.
Das gestalterische Genie hinter Brasilia ist Oscar Niemeyer. Er ist quasi der Johannes Heesters der Architektenzunft. Mit beinahe 100 Jahren (er hat am 15. Dezember Geburtstag) ist er der älteste noch lebende und arbeitende Architekt des Planeten. Laut der Zeitschrift "Art" von November betreut er im Moment zwölf Projekte. Mehr über ihn gibt es in ein paar Tagen, wenn wir in Curitiba sind, denn dort gibt es ein Oskar Niemeyer Museum, dessen Bau er natürlich selber entworfen hat.
Wir beenden unseren mehrstündigen Rundgang durch die Hauptstadt mit einem gemütlichen Kaffee in einem ungemütlichen Einkaufszentrum und schleppen uns abends noch ins Kino, wo wir uns "Die Ermordung Jesse James durch den Feigling Robert Ford" auf englisch mit brasilianischen Untertiteln anschauen. Der Film ist genaus so lang wie sein Titel.
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